Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

flax
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Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von flax » 16 Nov 2010, 14:10

Hallo und Gruß ersteinmal,
Zuerst möchte ich mich mal kurz vorstellen.
Mein Name ist Karsten Kunze, den Spitznamen Flax bekam ich im GR 44 von meinen Kameraden verpasst. Ich habe von 1986 - 1991 bei den Grenztuppen gedient, erst in der U6 in Perleberg danach bis zum Schluß im Grenzgegiment 44 Potsdam / Babelsberg. Dort habe ich bis einschlißlich Nov. 89 Grenzdienst geschoben. Ich kenne den Mythos Schwedt nur vom "Hörensagen" war selber nicht dort. Doch Schwedt war eigendlich täglich ein Thema. Ihr könnt euch denken warum.
Schwebte doch immer der Gedanken mit, das wenn bei einem Grenzdurchbruch Dir ein Vergehen gegen die Dinstvorschriften nachgewiesen werden konnte, Du ab nach 1330 Schwedt wanderst. Da du ja den Grenzdurchbruch nicht mit allen dir zur verfügung stehenden Mitteln Verhindert hast. So dachten die meisten (auch ich). Heute müssen sich die vor Gericht Rechtfertigen, die auf Grund dieser Sichtweise ( Nehme mal an das es Viele sind) auch unter anwendung der Schußwaffe um jeden Preiß einen Grenzdurchbruch verhindert haben. ( auch hiervon bin ich verschont geblieben)
Klar kann man sich heute gern hinstellen und sagen, das man lieber Schwedt in kauf nehmen hätte sollen als jemand daran zu hindern in Freiheit zu gelangen. Nun ist es für mich interessant zu wissen was wirklich drann ist, denn Keiner unserer Vorgesetzten hat je den Versuch unternommen diese Denkweise zu Entkräften. Eher im gegenteil. Gab es wirklich Kameraden die wegen ein Grenzdurchbruch Bestraft worden sind, und diese in Schwedt oder anderswo in Haft genommen wurden.
Bis hier ersteinmal Gruß Karsten

harald
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von harald » 18 Nov 2010, 23:12

Hallo flax,
erstmal Willkommen im Forum. Wie du vielleicht schon gelesen hast oder noch wirst, war ich beim Personal in der DE. In den Jahren die ich da war, habe ich viele "Bestrafte" kennen gelernt. Aber auch wir wussten nicht immer von allen ihre Delikte bzw Taten.
Natürlich waren auch einige AGT dabei. Zumindest ist mir kein Fall bekannt, dass jemand wegen einen nichtverhinderten Grenzdurchbruch bei uns war. Diese Frage können eigentlich nur ehemalige Grenzer, die in Schwedt waren, beantworten.
Die ehemaligen Vorgesetzten am Kanten haben diesen Mythos aufrechterhalten, was jetzt eigentlich mehr meine Vermutung ist, um die Posten unter anderen zu Motivieren ihren GD ordentlich zu machen bzw. GV unter allen Umständen zu verhindern.

Harald

Stasi-Forscher
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von Stasi-Forscher » 19 Nov 2010, 12:26

Liebe Freunde der Aufklärung,

auch wenn ich noch keine Angaben über Größenordnungen machen kann: Es gab sowohl Schwedt-Aufenthalte von Soldaten, die eine Flucht geschehen liessen (den Flüchtenden also nicht gesehen haben wollten) als auch auch Fälle von "Schwedt" wegen Unterlassen einer Anzeige bei vorheriger Kenntnis des Fluchtvorhabens anderer Armeeangehöriger. Ein Fall der ersten Konstellation ist übrigens in einem Buch beschrieben: Heidrun Budde: Willkür! Die Schattenseite der DDR. Ingo Koch Verlag Rostock, 2002, in dem es ab S. 307 um den Militärstrafvollzug geht.

Beste Grüße

Stai-Forscher

flax
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von flax » 19 Nov 2010, 16:09

Danke Ersteinmahl für die Antworten,
@ Harald, genau deshalb habe ich mich hier angemeldet. Informationen aus erster Hand zu bekommen, nicht um sie zu veröffentlichen oder um Bücher zu schreiben. Eher um in den anderen Foren (GT, Falli oder NVA) ruhigen Gewissens sagen zu können, jeder Junge Mann der da draußen war, musste innerhalb von wenigen Sekunden seine Entscheidungen treffen.
Schuss oder nicht? Aber auch Schwedt oder Orden?? ( die Orden waren nicht soo beliebt).
Ich kann es euch ja mal aus meiner eigenen Erfahrung schildern, wie es bei einem solchen Fall zuging.
In einer Nachtschicht, löst ein GSZ aus (Grenzsignalzaun ) die Jungs, gehen in Abrieglung jeder auf seinen Posten. der Uffs kontrolliert den KS (Kontrollstreifen) und danach den GSZ, soweit alles nach DV nur das der Uffs den KS nicht abgelaufen ist, sondern den KS und den GSZ vom Krad aus Kontrolliert hat. Bei der Nächste Kontrolle des KS waren Spuren drauf und die gingen genau in diesem Bereich (wo der Uffs Kontrolliert hat) vom Hinterland nach Vorn und wech.. klar dann Großes Treffen im Abschnitt, alles was Rang und Namen hatte war da. der Uffs wurde sofort ausgelöst. dann ging der Dienst weiter. als die Komp. rein kam war der Uffs weck und sein Schrank leer. (Naja wenn das Kein Raum für Spekulationen ist.)
Doch dieser Uffs. war nach zehn Tagen wieder im Regiment, nach dem er die Tage im Kupfergraben abgesessen hatte. Aber nicht mehr in einer grenzdienenden Einheit. Einige andere sind nicht wieder ins Regiment zurück gekommen, wahrscheinlich wurden sie in den ABK`s weiterverwendet, nach dem sie ihre Bestrafungen abgesessen haben. Wir haben meist nichts von ihrem Schicksal erfahren.

@ Stasi-Forscher
danke für den Tipp mit dem Buch, ich werde mal reinlesen wenn ich es bekomme. Doch habe ich mir angewöhnt Bücher über die Ehemalige DDR, mit einer gewissen Zurückhaltung entgegenzugehen, habe schon eine menge "Mist" von sogenannten Experten gelesen. Ich möchte der Autorin nicht zu nahe treten da ich weder ihr Buch noch ihre eignende Geschichte kenne.
Ich würde niemanden verurteilen, denn wie ich oben schon geschrieben habe, jeder hatte nur Bruchteilen von Sekunden zeit seine Wahl zu Treffen. Und die Geschichte hat uns gezeigt, was damals eine falsche Entscheidung war, ist heute die Richtige. aber auch wenn die Entscheidung damals richtig war.... ist sie heute Falsch. Nur geht es mir darum, konnte damals einer wissen das seine Entscheidung, später einmal das Gegenteil sein wird als in den Moment als sie gefällt wurde.
Gruß Karsten

harald
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von harald » 19 Nov 2010, 23:01

zur damaligen Zeit konnte keiner wissen, das die "richtige" Entscheidung später doch die Falsche war. Denn wer hätte schon gedacht, dass eines Tages diese Grenze nicht mehr existiert.
Als ich noch im ABR Rudolstadt (GAR-12) war, gab es auch einen Uffz. der war Wachhabender in Rudolstadt, er war in Schwedt aber von uns wusste keiner warum und wir wissen ja alle, wieviel die Betroffenen selbst danach erzählt haben.

tina
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von tina » 19 Nov 2010, 23:47

Das konnten man schon wissen, lieber Harald. Viele tausende haben das gewusst. Auch deshalb sind sie auf die Strasse gegangen. Es waren nicht alle verblendet vom Sozialismus und dessen Herrschern.
Es saßen aber übrigens mehr MSG in Schwedt, denen man "Republikflucht" oder Kenntnis davon angedichtet hat, als diese wirklich geplant waren oder durchgeführt wurde. Einen, der eine Flucht nicht verhindert hat, habe ich nicht erlebt. Die sind sicher auch oft über das Strafmaß Schwedt ( 2 Jahre Höchststrafe) hinaus bestraft worden. Dies ist aber nur meine Vermutung.

harald
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von harald » 20 Nov 2010, 01:17

@tina
ohne dir oder anderen zu nahe treten zu wollen, ich glaube nicht, dass du bis etwa mitte 1989
wusstest das im November die Mauer aufgemacht wird. Und das hat auch nichts mit Verblendung zu tun.
Wenn du alle Beiträge genau liest würde dir einiges auffallen.

Steffen
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von Steffen » 21 Nov 2010, 20:24

tina hat geschrieben: Es saßen aber übrigens mehr MSG in Schwedt, denen man "Republikflucht" oder Kenntnis davon angedichtet hat, als diese wirklich geplant waren oder durchgeführt wurde. Einen, der eine Flucht nicht verhindert hat, habe ich nicht erlebt. Die sind sicher auch oft über das Strafmaß Schwedt ( 2 Jahre Höchststrafe) hinaus bestraft worden. Dies ist aber nur meine Vermutung.



Hallo Tina.
ich stelle mal die einzig bekannte Statistik ein. Diese wurde unmittelbar in der Wendezeit veröffentlicht ( NVA Zeitung " Trend "
Wie gesagt, mit Vorsicht zu genießen
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von MarioMüller » 18 Nov 2014, 11:16

Zu Statistisches... Nur "mit Vorsicht" zu genießen? Abgesehen davon, dass diese Angaben aus einer NVA-Zeitung sind und schon von daher nicht die geringste Glaubwürdigkeit beanspruchen können, kann man sich vielleicht vorstellen, dass die Formulierung, bei 2,5 Prozent der Disziplinarbestraften habe sich eine Verlängerung der Strafzeit bis zu vier Wochen "notwendig" (!) gemacht, nicht von einem ehemaligen Gefangenen stammen. Mich wollte ein Aufseher selbst am Entlassungstag noch schikanieren. Als ich dringend aufs Klo musste, schrie er mich an: "Ordentliche Meldung!" - Ich habe darauf dezidiert erwidert: "Ich muss kacken." Der Aufseher kochte, versuchte weiter, mich zu demütigen. Ich ging respektlos an ihm vorbei, denn ich kannte ja den Weg... Nach einem Monat Disziplinareinheit ist man froh, wenn die "Entlassung" (Rückkehr in die normale Kompanie) bevorstand. Ich wollte damals sicher nicht den großen Helden spielen und mir eine "notwendige" Verlängerung einheimsen, sondern mir nur nicht in die Hose machen...

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Detlef
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Re: Fragen über Fragen zum Mythos Schwedt

Beitrag von Detlef » 18 Nov 2014, 12:16

Hallo Mario,

die letzte Nacht vor dem Entlassungstag mussten die Disziplinarbestraften in einer Arrestzelle im Erdgeschiss verbringen und waren dann auch nicht mehr im Unterkunftsbereich.
Dann musst Du wohl schon während Deines Aufenthalts in der DE im Arrest gewesen sein, dass Du den Weg zur Toilette bereits kanntest - denn nach oben zu den Toiletten in der 3. bzw. 4. Etage - wärst Du wohl nicht so ohne weiteres hoch gekommen.

Was war der Anlass, dass Du bereits mit dem Arrest Bekanntschaft gemacht hast?

Detlef
3 Monate Strafdienst in der Disziplinareinheit vom 20.09.1983 bis 15.12.1983
Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.

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