Rückkehr in die "alte" Einheit

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Detlef
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Re: Rückkehr in die "alte" Einheit

Beitrag von Detlef » 09 Apr 2014, 21:41

Zurück in der Einheit in Marxwalde wurde ich zum Einzelgänger, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte auch keine Freunde mehr. Ich war nun wieder in der Kompanie, die auch das KFZ-Ersatzteillager verwaltete und genau dort sollte ich meinen Dienst bis zur Entlassung versehen. Ein Offizier und ein Unteroffizier waren nun die fast einzigen, mit denen ich wirklich direkt etwas zu tun hatte, sonst nur zivile KFZ-Schlosser. In meiner Stube war ich als Soldat im Grundwehrdienst allein, sonst nur vier bis sechs Reservisten, die immer nur für vier Wochen da waren und dann kamen wieder neue.
Aber nun begann auch das eigentliche SCHWEIGEN, das mich noch unbewusst zermürbt hat. Ich wurde beim Frühsport oder beim Essen von anderen angestarrt, man tuschelte, aber keiner hat es gewagt, mich direkt anzusprechen oder gar eine Frage zu stellen. Und ich selbst durfte ja nichts zum Thema sagen. Wenn andere beim Frühsport abkürzten oder eine heimliche Raucherpause einlegten, mir war es egal und ich absolvierte ihn mit Eifer, ja sogar mit Spaß. Gegen Schwedt war das alles gar nichts. Ich konnte die anderen innerlich nur belächeln und dachte, “ wenn ihr wüsstet…“.
Bis auf einen Mithäftling aus Schwedt hatte ich auch nie wieder einen Kontakt zu jemand, der zu meiner Zeit auch in der Disse war. Den Namen habe ich vergessen. In Schwedt gab es einen Soldaten, der wie ich auch auf einem Militär-Flugplatz war, in Holzdorf. Nun ergab es sich, dass unser System mit den Karteikarten im Ersatzteillager als besonders effektiv bewährt hatte. Dieses System sollte nun auch in Holzdorf eingeführt werden. Ich war mit ein paar anderen Soldaten und einem Offizier dahin abkommandiert worden, um zu helfen und zu zeigen, wie es in Marxwalde gemacht wurde. Ich erkundigte mich nach dem ehemaligen Mithäftling und fand ihn auch. Wir trafen uns abends und er hatte irgendwo her eine Flasche Wein besorgt, die wir zusammen tranken und uns über das inzwischen Erlebte austauschten. Es war ein lustiger Abend und wir wollten das nochmal wiederholen. Zwei Tage später ergab sich die Möglichkeit wieder und ich bin zu ihm gegangen. Aber statt mit Freude begrüßt zu werden, erhielt ich eine schroffe Absage. Die Soldaten, die mit mir in Holzdorf waren, hatten ihm gesteckt, dass ich schwul bin. Sie hatten ihn am nächsten Tag wohl gefragt, warum er mit einem Schwulen den ganzen Abend zusammen Wein trinkt. Nach zwei Wochen ging es zurück und das Thema Kontakt zu ehemaligen Mithäftlingen hatte sich erledigt.
Das Zermürbende nach der Armee war die Tatsache, dass man sich mit niemand, absolut niemand über das Erlebte unterhalten konnte. Auch nicht mit der Familie und den Eltern. Nichts mit „von der Seele reden“ oder so. Kein Gedankenaustausch, bloß nichts Erzählen, immer die Angst, dann können die dich wieder einsperren. Erst heute kann ich mit meiner Familie über das damals Erlebte aussprechen.
Freunde, die mich nach der Armee gefragt haben, wo ich denn war, warum ich nicht zurück geschrieben habe, mich nicht gemeldet habe antwortete ich, ich sei mit der Truppe nach Astrachan in der Sowjetunion zu einer Übung gewesen. Diese gab es damals tatsächlich dort und auch einfache Soldaten von unserem Geschwader waren dabei, so dass keiner zu erkennen vermochte, dass ich ihn anlog. Erst nach der Wende1989 habe ich ihnen erzählt, wo ich damals wirklich war.

detlef
3 Monate Strafdienst in der Disziplinareinheit vom 20.09.1983 bis 15.12.1983
Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.

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MSG 187/78
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Re: Rückkehr in die "alte" Einheit

Beitrag von MSG 187/78 » 12 Apr 2014, 14:42

Hallo Detlef!
Das liest sich sehr traurig und zeigt auf mit welchen Psychologischen Druck durch die abgegebene Schweigeverpflichtung gearbeitet wurde.
Hier spielt natürlich die menschliche Psyche eine wichtige Rolle, denn Schwedt hatte seinen Mythos bei mir verloren, ich hatte die Schweigeverpflichtung nicht unterschrieben und habe mit jeden darüber gesprochen. Unterm Strich, kann man sagen, ich war nach Schwedt “schlimmer” als vorher. (nach Schwedt, 4 x 10 Tage Bau, 1 x 5 Tage Bau und 3 Tage vor meiner Entlassung kam der Kommandeur zu mir und sagte wörtlich: Soldat S. Du hast zwar nichts angestellt, ich werde Dich trotzdem die letzten 3 Tage einsperren, damit ich Ruhe in der Truppe habe. Ich wurde nach den 3 Tagen von 2 Unteroffizieren aus dem AR-7 Arrest abgeholt, und 7 Stunden (Laufzettel, Uniformabgabe usw.) blieben diese Unteroffiziere an meiner Seite, bis ich zum Tor hinaus war.
Schwedt konnte mich nicht brechen, es hat mich stärker gemacht !!!

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