Mythos Schwedt

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zippl65
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Mythos Schwedt

Beitrag von zippl65 » 08 Jul 2009, 14:25

Hallo Freunde,

ich möchte hier gern darstellen warum Schwedt für mich ein Mythos war und heute immer noch ist.

Jeder der damals seinen Ehrendienst in der NVA leisten durfte, hatte irgendetwas von Schwedt gehört und sei es nur die 133 auf dem Maßband der EK`s gewesen. Aber wenn beim Militär das Wort Schwedt fiel, beschlich jeden ein Schauer und ich glaube mich auch daran zu erinnern das jemand sagte "von dort sind nicht viele zurückgekommen". Viele wurden ja auch nach ihrer Entlassung aus Schwedt in andere Einheiten Strafversetzt, (meine "Strafversetzung" brachte mich wieder nach Hause in meinen Heimatort Dessau).

Auf meinem Transport nach Schwedt hatte ich Kontackt mit Zivilhäftlingen, als einer von ihnen das Schild an meinem Seesack las, Schwedt, sagte er: lieber 10 Jahre im Zivilknast als einen Tag nach Schwedt!
Als ich in Schwedt ankam, als damals 19 Jähriger, stand für mich fest: lebend kommst du hier nicht mehr raus. War im Nachhinein völliger Quatsch.
Schwedt habe ich als Arbeits- und Militärlager kennengelernt, mein Ziel war dann sehr schnell: Durchziehen und raus hier. Der Tagesablauf war nicht ohne aber mann konnte es auf jeden Fall überleben wenn mann sich an alle Regeln hielt.
(Sicherlich wird dies auch wieder jeder Insasse anders empfunden haben, ich hatte Glück: meine Eltern und Geschwister haben, obwohl sie nicht wussten was vorgefallen war, bedingungslos zu mir gehalten und ich hatte keine Frau und keine Kinder um die ich mir Sorgen machen musste)

Bei meiner Entlassung aus Schwedt kann ich mich auch nicht daran erinnern irgentetwas unterschrieben zu haben was es mir untersagte über das Erlebte zu reden.
Trotzdem habe ich nie und mit niemandem darüber geredet, dies war wohl unbewusst ein ungeschriebenes Gesetz für mich. Als 2001 der DOKU-Film in Schwedt gedreht wurde und der Regisseur, vor dem Gebäude mit den Besucherzellen, meinen Vater fragte: wann haben sie sich denn mit Ihrem Sohn das erste mal über alles untehalten? War seine Antwort unter Tränen: noch nie, ich weiß bis heute nicht warum er dort war.
Diese Antwort gab mir sehr zu denken.

Ja, warum ist Schwedt immer noch ein Müthos,

- bei den Dreharbeiten zur DOKU waren wir drei MSG`s und einer aus der Diszi, als ich den Regisseur fragte nach welchen Kriterien er uns denn ausgesucht habe, antworteten er: ich konnte nicht wählen, ihr vier wart die einzigsten die sich gemeldet haben.?

- warum sind heute noch so wenige bereit über das Erlebte zu berichten, egal ob sie es als schlimm oder akzeptabel betrachten?

Wenn jemand den Mythos zerstören kann sind nur wir es, die, die es erlebt haben. Ich glaube auch deswegen sollten wir über unsere Erlebnisse berichten, über die Schlechten genauso wie über die positiven und auch lustigen.
Ich würde mich sehr freuen wenn ich hier einige gleichgesinnte getroffen habe, diese Art der Vergangenheitsbewältigung ist für mich die Beste und für die Meisten von Euch hoffentlich auch.
Ich denke damit können wir etwas Licht ins Dunkel bringen.

viele Grüße, Hartmut

PS. die schlimmste Zeit für mich waren die vier Monate Einzelhaft in der MUH-Halle, sechs Wochen Spezialbehandlung durch die STASI, sie wollten unbedingt hören das ich das Staatsgebiet der DDR verlassen wollte.

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Dresdner
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Re: Mythos Schwedt

Beitrag von Dresdner » 08 Jul 2009, 18:02

ich glaube mich auch daran zu erinnern das jemand sagte "von dort sind nicht viele zurückgekommen". Viele wurden ja auch nach ihrer Entlassung aus Schwedt in andere Einheiten Strafversetzt,


Ich glaube,das zum Teil dadurch der Mythos entstanden ist...
Richtig müßte der Satz ja sinngemäß so lauten : " Aus Schwedt sind nicht viele ( in ihre alte Einheit) zurück gekommen."
Indem man das - in ihre Einheit - wegläßt, entsteht der Eindruck, das ..hm, wie soll ich mich jetzt richtig ausdrücken....das dort Menschen umgekommen sind, ähnlich dem Gulang System in Rußland. Das ist ja in Schwedt nicht der Fall gewesen.
Ich bin davon überzeugt, das diese Angst unter den AA einzig und allein darauf basierte, das es im Normalfall ja keinem bekannt war, was genau in "diesem Schwedt" abgelaufen ist.

dresdner

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