Schwedt - ein Mythos

Richard
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Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von Richard » 28 Dez 2008, 11:39

Hallo,

beim Lesen im Thema „Vorstellung“ ist bei mir eine Frage aufgekommen.

Jeder dürfte den Kinofilm „NVA“ kennen. Ich habe ihn im Kino zuerst, später dann noch einmal im TV gesehen. Über den Film selbst, der ja eigentlich eine Satire ist, möchte ich nicht diskutieren. Der ist allemal Geschmackssache.
Eine Szene in diesem Film sticht jedoch deutlich heraus. Ein Soldat wurde wegen „Unerlaubter Entfernung“ oder „Fernbleiben von der Truppe“ in die Disziplinareinheit nach Schwedt verlegt. Zurück kam er als überaus korrekter und disziplinierter Soldat. Beim Betrachter, also auch bei mir, entstand daraus der Eindruck, dort hätte eine Umerziehung stattgefunden. Wie auch immer diese Umerziehung stattfand (fand sie statt?), oder welche Methoden angewandt wurden, kam weder in diesem Film vor, noch konnte man bisher darüber lesen.
Ich möchte noch einmal betonen, dass ich den Film „NVA“ nicht als Indikator für eine sachliche Darstellung über die Zustände in der NVA ansehe. Es geht mir auch nur um diese Szene, die dieser Satire eher einen faden Beigeschmack gab.

Der User sangria007 war drei Monate in der Disziplinareinheit Schwedt, so las ich in seiner Vorstellung. Er schreibt dort:

Ich glaube mal das nur die Leute ,die dort waren auch es Aufklären können ohne das man übertreiben sollte,den die DE war nix weiter alls eine Kaserne mit Militärischer Ausbildung und Arbeit .
Und wie in jeder Kaserne gab es Leute die den Druck nicht ausgehalten haben.


War oder ist dieser Aussage schlussfolgernd Schwedt tatsächlich ein Mythos?
Entschuldigung wenn ich jetzt etwas naiv nachfrage. Wurde Schwedt übertrieben dargestellt?

Wie Mythen entstehen wissen wir alle. In vielen Fällen entstehen sie durch Außenstehende und Unbeteiligte, oder werden von ihnen forciert. Spezialeinheiten wie GSG9 oder Kampfschwimmer können ein Lied davon singen. Sie können aber auch in den wenigsten Fällen für Aufklärung sorgen, weil sie sich dadurch nach Außen öffnen. Das ist wiederum nicht erwünscht.

Bisher konnte man weder in Foren (dieses Forum jetzt einmal ausgeklammert), noch in Büchern etwas über Schwedt lesen. Berichte von Insassen sind da eher noch selten. Auch hier im Forum.

Ehemalige NVA Angehörige schreiben im Internet oder in Büchern von Erlebnissen, wie sie Rückkehrer erlebten. Sie beschrieben ihr Verhalten als stark verändert im Gegensatz zu vorher.

Sätze wie: „Wenn du das machst, dann kommst du nach Schwedt!“ stammen eigentlich auch von Unbeteiligten.

Wer kann von euch ehemaligen Insassen der Disziplinareinheit Schwedt oder des Militärstrafvollzugs für mehr Aufklärung sorgen? War Schwedt ein Mythos?

Richard

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Dresdner
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von Dresdner » 28 Dez 2008, 14:37

Ich denke, das dieser Mythos auch durch solche Darstellungen wie im Film "NVA" entstehen.
Da wird der Oberst Kalk nachts aus dem Bett geholt worüber dieser natürlich verärgert ist , lümmelt sich hinter seinen Schreibtisch und faßt das ganze dann wie folgend zusammen:" Wir versetzen Sie bis auf weiteres in die Strafeinheit Schwedt".
Wer sich mit Schwedt nicht auskennt, nimmt diesen Schwachfug dann für bare Münze und glaubt wirklich, jeder verärgerte Vorgesetze konnte jemanden von "jetzt auf gleich" nach Schwedt schicken.
In der NVA gab es eine Untersuchungs-und Meldeordnung,wo genau festgelegt war, wie im Falle eine solchen Vorkommnisses zu handeln und wohin dies zu melden war. Auch war die Kommandierung eines AA nach Schwedt mit dem Leiter Innerer Dienst im MfNV abzustimmen, einen einfach mal so auf die Reise nach Schwedt zu schicken ,war schlichtweg unmöglich.
Zudem müßte der Oberst eigentlich auch wissen, das das ganze "Disziplinareinheit Schwedt" und nicht Strafeinheit hieß.
Auch die Aussagen "...bis auf weiteres " ...erweckt so bisschen die Erinnerung an die Strafbatallione der Wehrmacht.
Die Disziplinarstrafe war genau ( auch mit der Zeitdauer von max.3 Monaten ) in einem Befehl niederzulegen.
Das ist - wie sagt man so schön- dichterische Freiheit des Drehbuchautors.Leider hinterläßt das dann bei den Zuschauern einen verzerrten bzw. falschen Eindruck und schürt so etwas den Mythos um Schwedt.
Dresdner

Richard
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von Richard » 28 Dez 2008, 15:34

Hallo Dresdner,

es ist wohl so, aber darauf wollte ich nicht hinaus! Ich schrieb, dass ich den Film „NVA“ nicht als Indikator für eine sachliche Darstellung über die Zustände in der NVA ansehe. Mir ging es um eine bestimmte Szene aus diesem Film. Diese auch nur als bedingt taugliches Beispiel, denn es ist ja noch nie zuvor in irgendeiner Form dargestellt worden.

Ich fasse kurz zusammen:
Schwedt war auch in der NVA eher nur als unbekannte Größe vorhanden.
Um Schwedt rankten sich Gerüchte, es entstanden Mythen um diese Einrichtung.
Erzählungen ehemaliger Armeeangehöriger nach, kam die Verlegung nach Schwedt eher einer Verlegung ins Ungewisse gleich. Niemand wusste genaues.
Ehemalige Armeeangehörige schreiben, Rückkehrer waren anschließend in ihrer Persönlichkeit stark verändert.

Dem entgegen steht die Aussage von sangria007, der die Disziplinareinheit erlebt hat. Er beschreibt die Einrichtung als eine Kaserne, in der Arbeit abgefordert und Dienst geleistet wurde.

Deshalb die Frage, ob Schwedt so war wie man es als Außenstehender bisher annahm.
Berichten zufolge, gab es zu NVA Zeiten von ehemaligen Insassen keine Schilderungen über den Ablauf in dieser Einheit.

Richard

bierbomber1
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von bierbomber1 » 28 Dez 2008, 16:00

Hallo Richard.



Wir haben Mist gebaut und wurden dafür bestraft.Ist in Ordnung.Aber so?
Jeder in der Nva wusste etwas über Schwedt.Aber woher.Und eigentlich war alles war.Jeder hatte Respekt vor dieser Anstalt.
Und solche Sätze wie "Dafür kommen Sie nach Schwedt"gab es wirklich.Ich kann gar nicht erklären was in mir vorging als dieser Satz für mich Wahrheit wurde.Das ist wie als wenn jemand kommt und sagt jetzt geht es aufn Mond.
Jeder kennt ihn und jeder weiss wo er in findet.Aber wie er sich anfühlt weiss niemand.Und wenn nur aus Erzählungen oä.
Und wenn Du fragst ob Scxhwedt ein Mythos war muss ich sagen ja.Nur für mich ist es Wirklichkeit geworden.

Gruss Bierbomber

Ich glaube es wird auch ehemalige Strafgefangene gegeben haben, die heimlich über diese Zeit in Schwedt gesprochen haben. Vielleicht gab es auch Informationen aus westlichen Medien ??
Irgendwie sind doch einige Informationen nach aussen gedrungen. Vielleicht auch gewollt.
Damit enstand der Mythos Schwedt, der abschreckend auf alle Armeeangehörigen gewirkt hat.
Keiner wusste genau Bescheid, aber dass es schlimm sein musste, wusste jeder, ohne die Hintergründe zu kennen.
Ich finde es stark, dass sich Leute gefunden haben, die über diese Zeit als Betroffene sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass es schwer ist, auch nach 20 Jahren oder länger, das Erlebte noch mal an sich vorbeiziehen zu lassen. Schlechte Erinnerungen werden meist aus dem Leben verdrängt und nicht unbedingt wieder hervorgeholt.
Hochachtung vor denen, die es hier machen.

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Dresdner
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von Dresdner » 28 Dez 2008, 16:28

Na mal sehen,was sangria007 dazu sagt....
Ich muß aber schon mal vorab dazu sagen, das er nicht gerade den "Durchschnittssoldaten" darstellt. Sangria007 war bei einer Eliteeinheit der NVA,wo die Normen der militärischen Ausbildung höher lagen als beim normalen Soldaten. Insoweit wird ihm die militärische Ausbildung in Schwedt wohl nicht ganz so belastet haben, wie den normalen Soldaten.

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Richard
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von Richard » 28 Dez 2008, 20:28

Hallo und moin bierbomber,

vielen Dank für Deinen Bericht. Ich nahm zunächst an, ich könnte mit meiner Frage um den Mythos Schwedt etwas daneben liegen. Dass Du als ein Betroffener gleich darauf antwortest, fand ich Klasse.
Nun ist mein Vorstellungsvermögen als völlig Außenstehender in dieser Angelegenheit, sagen wir mal, etwas eingeengt. Das führe ich auf meine Herkunft zurück, denn in der Bundeswehr gab es zu keiner Zeit Militärstraf- oder Disziplinareinheiten. Straftaten wurden in letzter Konsequenz vor einem Zivilgericht verhandelt. Zog das Urteil eine Freiheitsstrafe nach sich, wurde diese dann in einer Justizvollzugsanstalt verbüßt.
Ich wollte jedoch keine Vergleiche ziehen.

Zunächst möchte ich Dir aber schreiben, dass ich es respektiere, wenn Du über den Verlauf Deiner Inhaftierung keine näheren Angaben machen möchtest. Ich glaube das so herausgelesen zu haben. Wenn ich Verlauf schreibe, dann meine ich den gesamten Tagesablauf und die Art des Umgangs mit euch.
Du schreibst, ihr glaubtet mit allen Mitteln gebrochen zu werden. Methoden wie im Mittelalter. Dieser Satz stammt wohl aus einer Doku, die ich selbst nicht sah.
Falls Du darüber berichten kannst, hättest Du bestimmt nicht nur in mir einen interessierten Leser.
Sollte Dir das eher unangenehm sein, so wäre das aber auch völlig in Ordnung wenn Du nicht darüber schreibst. Dein Bericht war aber auf jeden Fall schon sehr aussagekräftig.


bis dann
Richard

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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von sangria007 » 29 Dez 2008, 14:59

Nun alls erstes muß ich wohl mal sagen,daß ich kein Elitesoldat war wie Dresdner es beschrieb sondern ich war Fernaufklärer.Der Mythos ist entstanden,weil keiner von Leuten über Schwedt reden durfte,dafür mußten wir Unterschreiben am Tage der Entlassung.Und natürlich haben wir uns anders Verhalten nach der Strafe,man ist sehr ruhig geworden.Der Grund war allerdings auch einfach man wollte ja nicht nochmal nach Schwedt.Allso wurde man ein guter Soldat ohne weiteren Straftaten.

bierbomber1
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von bierbomber1 » 01 Jan 2009, 21:24

Hallo Richard.
Dir muss ich erst mal mittteilen das ich im laufe der Zeit bestimmt auftaue und schon maal das eine oder andere erzähle.Ich wollte halt erst
mal warten bis sich alles festigt,da es das Forum ja noch nicht solange gibt.Habe ein bisschen Geduld.
Die Reportage kannst Du über den Admin bekommen.Nimm mal Kontakt mit ihm auf.

Und Hallo Sangria.
Das mit dem unterschreiben ist richtig.Auch ich musste mich verpflichten über alles zu schweigen.Ich glaube da stand sogar das dies bis zum Lebensende gilt.
Und was den guten Soldaten angeht:
Nach der ersten Übung die ich wieder in meiner Einheit hatte bin ich direkt belobigt worden wegen guten Kampfeinsatzes und so.
Das war vor meiner Zeit in Schwedt nicht drinne.

Gruss Bierbomber

P:S: ALLEN DANN NOCH EIN FROHES UND GESUNDES NEUES JAHR

Steffen
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von Steffen » 02 Jan 2009, 17:38

Hallo Bierbomber,
ich versehentlich in Deinem Beitrag vom 28.12.08 etwas verändert. Hoffentlich nicht so schlimm. War mein Fehler, entschuldige.

Steffen

bierbomber1
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Re: Schwedt, wirklich ein Mythos?

Beitrag von bierbomber1 » 04 Jan 2009, 13:31

Hallo Steffen.

Das ist schon ok.Da hätte ich auch drauf kommen können.

Gruss M........

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