Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

insbesondere Geschichtsaufarbeitung und Dokumentenlage
Antworten
Benutzeravatar
MSG 187/78
Beiträge: 55
Registriert: 26 Mär 2014, 15:27

Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von MSG 187/78 » 12 Apr 2014, 15:54

In vielen Anfragen wurde immer wieder die Frage nach den Stasi oder Schwedt Akten gestellt.
Die Antwort von Stasi-Forscher lautete fast immer “Sinngemäß” ich werde mich der Sache annehmen oder die Unterlagen wurden nach Straußberg verbracht, sobald wir mehr wissen, gebe ich bescheid.

Allerdings habe ich nicht einmal lesen können, das LKW weise, Unterlagen von der Stasi in die Verbrennungsanlagen gefahren wurden, das die Stasi in der Normannenstrasse rund um die Uhr Akten vernichtet hat, das zwischen Mauerfall und Auflösung der Stasi 9 Monate vergingen und jede Nachfolge “Regierung” diesem Treiben kein Ende gesetzt hat.
Das Stasi Objekte durch die VOPO geschützt wurde, damit belastendes Material ungestört vernichtet werden konnte.

Das die Stasiunterlagen Behörde, keine Aufarbeitung betreibt, sondern nur Verwaltung der Unterlagen betreibt.
Das 50 % vom runden Tisch der Stasi angehörten.
Das, dass vereinte Wirtschaftsgebiet “BRD” Rechtsnachfolger der DDR ist und somit Schadensersatzpflichtig ist! (Wer zahlt schon gern)
Das die Schadensersatzforderungen der Radar-Geschädigten so lange herausgezögert wurde, bis fast alle Tod waren.

Werter Stasi Forscher!
Welche Ergebnisse können Sie den ehemaligen DE und Militärstrafgefangenen präsentieren ?
Schwedt konnte mich nicht brechen, es hat mich stärker gemacht !!!

Stasi-Forscher
Beiträge: 107
Registriert: 15 Jun 2009, 13:49

Re: Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von Stasi-Forscher » 14 Apr 2014, 08:41

Hallo MSG 187 / 78,

schön, dass mit Ihnen / mit Dir wieder ein aktiv schreibendes Forums-Mitglied dazugekommen ist!

Nicht alle der gestellten Fragen kann ich auf die Schnelle beantworten. Zu den Vernichtungsaktionen während des Jahreswechsels 1989/90, zur Fragwürdigkeit der Allianz VoPo / MfS-Auflöser bzw. zur Unterwanderung des Runden Tischs habe ich zwar eine deutliche Meinung, aber ich bin da weder Experte, noch werde ich das Schwedt-Forum mit diesen Themen füllen.

Im Punkt des Vorwurfs, wir würden die Akten nur verwalten und keine Aufarbeitung betreiben, will ich jedoch widersprechen. Unsere Behörde begleitet Hunderte Anfragen von Medien und Forschungseinrichtungen und stellt auch durch eigene Forschungen diverse Erkenntnisse zu Verfügung. Da diese nicht nur Schwedt betreffen, mag dies hier etwas untergehen.

Hinzu kommt, dass ich seit einiger Zeit (nur) einen Teil meiner Arbeitszeit für ein Schwedt-Projekt nutzen kann, in dem u.a. geprüft wird, welche Lücken der Aktenlagen zu Schwedt durch die Stasi-Unterlagen vielleicht geschlossen werden können. Dieses Projekt dauert an und wird vermutlich im nächsten Jahr zum Abschluss kommen. Teilerkenntnisse fanden und finden in verschiedener Form schon vorher in die Öffentlichkeit, sei es in den Beiträgen des Forums, sei es in der Mitwirkung bei den Büchern der Zeitzeugen und bei den zugehörigen Buchvorstellungen, sei es in unterschiedlichen Medien, sei es auf der Homepage des Vereins oder in vielen Hintergrundkontakten, die nicht immer öffentlich sind. Mit Etlichen aus dem Forum war und bin ich im Gespräch, gerade auch bei der Interpretation von Stasiakten und Recherchemöglichkeiten. Pauschale Antworten gibt es für die unterschiedlichen Einzelfälle in der Regel nicht, deshalb findet auch vieles davon nicht hier ins Forum. Aber ich denke, dass ich einige Fragen schon beantworten oder bei der Erklärung von Stasi-Zuständigkeiten und -Begriffen helfen konnte.

Zu den Schwedter Akten: Im April 1990 wurde der letzte Häftling entlassen. Zum 1. Juni 1990 galt die Disziplinareinheit per Ministerbefehl als aufgelöst. Doch noch im August 1990 waren über 90 Personen dort angestellt. Wozu?
Nur zu den Gefangenenakten gibt es eine Spur: ein Übergabeprotokoll von Schwedt an Strausberg, in dem im August 1990 ganze Pakete von Gefangenenakten erwähnt wurden. Verwaltungsakten oder die Personalakten der Bediensteten werden darin nicht benannt. Gerne würde ich Bescheid geben, dass die nach Strausberg überführten Akten inzwischen aufgefunden wurden. Dem ist aber leider nicht so. Gerade in der letzten Woche hatte ich ein Gespräch mit der zuständigen Archivarin aus dem Militärarchiv Freiburg, die mir bestätigte, dass in den letzten 3 ½ Jahren keine neuen Akten zu Schwedt aufgefunden wurden. Zu dem, was 2010 zuletzt gefunden wurde, hat sich Dr. Wenzke in seinem Buch geäußert.

Ich bleibe am Ball und weiterhin gilt: wer will, kann auch gerne individuell Kontakt zu mir aufnehmen.

Beste Grüße vom Stasi-Forscher

PS: Zu den globaleren Themen um die Stasi-Auflösung könnte ich natürlich einige Buchtipps geben. Aus Befangenheitsgründen halte ich mich da aber zurück. Google oder andere Suchmaschinen helfen da sicher weiter. Wer mich kennt, weiß, dass ich auch dazu einiges erzählen könnte. Da dies aber nicht zum Komplex „Schwedt“ gehört, habe ich dies bisher aus dem Forum rausgehalten und gedenke dies auch weiterhin so zu halten. Nix desto trotz: Hintergrundgespräche sind kein Problem.

Benutzeravatar
MSG 187/78
Beiträge: 55
Registriert: 26 Mär 2014, 15:27

Re: Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von MSG 187/78 » 15 Apr 2014, 20:24

Hallo Stasi Forscher!

Danke für die Ausführliche und Aussagekräftige Erläuterung zu Deiner Situation im Punkto Informationen.
Auf den Punkt gebracht, würde ich sagen Du sitzt zwischen 2 Stühlen.
Danke für das Angebot zum Ball spielen, von dem ich in den nächsten Tagen gebrauch machen werde. Viele Grüße MSG178/78
Schwedt konnte mich nicht brechen, es hat mich stärker gemacht !!!

MarioMüller
Beiträge: 21
Registriert: 18 Nov 2014, 00:30

Anfrage an den Stasi-Forscher zur angebl. Schweigeverpflicht

Beitrag von MarioMüller » 24 Nov 2014, 22:27

Hallo Stasi-Forscher,

obigen Auskünften zufolge bist du hier derjenige, der am nächsten an der Quelle sitzt, Dokumente zu Schwedt zu finden. Mich interessiert die viel zitierte "Schweigeverpflichtung". Mir wurde zur Entlassung nichts Derartiges vorgelegt. Vielleicht war zu meiner Zeit (1984) in der DE gerade das Papier knapp geworden...

Vielleicht wird in dieser Sache aber auch nur ein weiterer Mythos gepflegt, einmal ausgestreut, von den Medien vervielfältigt, bis er als Tatsache gilt... Hier im Forum erhielt ich dazu bisher nur die unbefriedigende Antwort, dass es, wenn so viele davon berichten, wohl so was gegeben haben müsse... Mich interessieren die Fakten und die ließen sich mit einem Dokument belegen.

Solch ein Dokument hätte ja kaum persönlich kompromittierenden Inhalt transportiert und wäre daher beim damaligen Andrang an den Schreddern sicher nicht das erste gewesen, was vernichtet wurde. Wenn ein derartiges Dokument also von jedem Schwedt-Inhaftierten zu unterschreiben war, dann sollte sich irgendwo noch ein Exemplar auffinden lassen.

Danke für diesbezüglich mögliche Nachforschung.

Stasi-Forscher
Beiträge: 107
Registriert: 15 Jun 2009, 13:49

Re: Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von Stasi-Forscher » 25 Nov 2014, 10:15

Hallo MarioMüller (und die anderen Freunde der Aufarbeitung),

die Interpretation, ich würde am nächsten an der Quelle sitzen, kann sich
allenfalls auf die Stasi-Akten beziehen. Für das Bundes-, das Militärarchiv,
für die Landesarchive Berlin oder Brandenburg, für die Stadtarchive Schwedt
oder Frankfurt bin ich auch nur externer Antragsteller...

Im Bestand der Stasi-Unterlagen gibt es keine Ablage von SACH-Akten zu
Schwedt. Wie schön wäre es, wenn es so was gäbe, vielleicht noch mit einer
Sammlung von Blanko-Formularen, darunter dann endlich auch die VVS "Halt den
Mund auf ewig" oder so...

Solch eine Formularsammlung wäre tatsächlich eher nicht so schnell durch den
Schredder gelaufen. Und natürlich wäre auch kaum zu vermuten, dass irgendein
Aufarbeitungsverhinderer in der DDR-/NVA-Auflösungsphase aus den noch
zugriffsfähigen Gefangenenakten nur jeweils dieses eine Blatt entfernt.

Denn eine Schweigeverpflichtung wegen Schwedt wäre am ehesten in den
eigentlichen Gefangenenakten zu erwarten, die vom Strafvollzug geführt
wurden. Insofern wären als sogenannter Provenienzort (Ort der
Aktenerstellung) das MdI und später das MfNV zu erwarten. Deren Bestände
verwaltet heute das Bundes- bzw. Militärarchiv. In diesen Zusammenhang
gehört das von verschiedenen Leuten schon erwähnte Protokoll der Übergabe
von mehreren hundert Gefangenenakten im Sommer 1990 von Schwedt nach
Strausberg. Danach verlieren sich die Spuren...

Wegen fehlender Sachakten kann der weitere Aktenzugang im Stasiarchiv nur
über Namen von involvierten Personen erfolgen. Das kann jeder von Euch für
sich selbst ja auch prüfen lassen. Die Möglichkeiten der Akten bei der Stasi
können dann sehr unterschiedliche sein, je nach Interessenlage der Stasi an
der Person. Manch einer findet zwar seine Prozessakten, aber nix zu Schwedt.
Andere wurden weiter verfolgt wegen neuer Auffälligkeiten, wieder andere
wurden für potentiell zu werben eingeschätzt. Die nächsten haben vielleicht
tatsächlich einen neuen Prozess erleiden müssen und sind schlimmstenfalls
erneut verurteilt worden, u. U. zu länger als zwei Jahren, was sie dann in
den Zivilknast brachte.

Potentiell konnten die Gefangenen-Akten auch bei der Stasi landen. Leider
habe ich in meiner ganzen Schwedt-Projektzeit bisher nur eine einzige
Gefangenenakte direkt zu Schwedt gefunden und die bezieht sich auf einen der
ersten Schwedt-Häftlinge aus den Endsechziger Jahren, als der
Militärstrafvollzug noch in der Konstituierungsphase war. Und diese eine Akte ist ohne
Entlassungspapiere. Also leider nix, was uns hier weiter bringt.

Insofern zähle ich auch auf Euch: Wer immer wo immer seine Gefangenenakte
findet und darin evtl. ein Dokument, das einer Schweigepflicht nahe kommt,
kann sich gerne bei mir melden - auch jenseits des Forums oder irgendeiner Form von
Öffentlichkeit ...

Eine andere Interpretation ist ja die von baustus: Die Neuankömmlinge in
Schwedt wurden auf die Hausordnung u.a. "eingeschworen" und unterschrieben
in diesem Zusammenhang eine Belehrung, was in Schwedt zu tun und lassen sei.
Das ist inhaltlich zwar relativ nahe, aber betrifft den ANFANG von Schwedt.
Die Erinnerungen vieler beziehen sich jedoch auf das ENDE. Da bleibt für
mich ein noch aufzuklärender Widerspruch. Lasst uns dran bleiben!

Beste Grüße vom Stasi-Forscher

MarioMüller
Beiträge: 21
Registriert: 18 Nov 2014, 00:30

Re: Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von MarioMüller » 25 Nov 2014, 12:19

VIELEN DANK für diese ausführliche Auskunft.
Das ist endlich mal hilfreich - in Richtung weg vom Mythos und hin zu den Fakten.

Mario Müller

Pavel
Beiträge: 34
Registriert: 25 Sep 2014, 09:48

Re: Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von Pavel » 26 Nov 2014, 17:15

Als ich 1986 den aus Schwedt zurück Kommenden auf seine Erlebnisse ansprach, sagte er mir, dass er eine Schweigeverpflichtung unterschrieben hätte und darum nichts erzählen werde.
Ich weiß, dass diese Aussage auch kein Dokument im herkömmlichen Sinne ist - aber weshalb hätte er das dann behauptet? Um von mir in Ruhe gelassen zu werden?

MarioMüller
Beiträge: 21
Registriert: 18 Nov 2014, 00:30

Re: Anfrage an den Stasi Forscher zur Vernichtung der Unterlagen

Beitrag von MarioMüller » 01 Dez 2014, 19:16

Pavel, da könnte es einige Gründe geben, so etwas einfach nur zu behaupten. Der von dir selbst vermutete Grund könnte in der Liste ganz oben stehen. Man wurde ja nicht nur von einem Neugierigen wegen Schwedt gelöchert. Einmal beantwortet man die Fragen, vielleicht auch zweimal, aber irgendwann hat man keinen Bock mehr - und aus Höflichkeit sagt man dann vielleicht das mit der Unterschrift.

Vielleicht gab es so ein Dokument, aber nicht zu meiner Zeit, dito. Irgendwas mag man bei der Entlassung unterschrieben haben. Wenn ich hätte eine Schweigeverpflichtung unterschreiben müssen, dann könnte ich mich daran sehr genau erinnern. Warum? Zum einen weil es eine besondere Frechheit gewesen wäre und weil ich mich an besondere Frechheiten besonders gut erinnere. Zum anderen hätte dann mindestens eine Drohung daneben stehen müssen, nämlich was mir droht, wenn ich mich nicht an die "Verpflichtung" halten würde! Die Einhaltung solch einer Verpflichtung wäre im zivilen Leben nur kontrollierbar gewesen, wenn man den zum Schweigen Verpflichteten rund um die Uhr abgehört hätte. Davon habe ich aber nichts bemerkt.

Ich bin nun wirklich der Letzte, der irgendwas aus dieser Zeit schön zu reden oder zu leugnen hätte, aber mich interessieren heute einfach die historischen Fakten. Wie oben schon erwähnt, gab es in der damaligen Hektik, Akten zu beseitigen, sicher wichtigere Dokumente zu schreddern. Es müsste also wenigstens ein leeres Dokument vorhanden sein, wenn es eines gab.

Antworten