Gastkommentar

Benutzeravatar
Detlef
Beiträge: 531
Registriert: 15 Jul 2012, 15:43

Gastkommentar

Beitrag von Detlef » 10 Nov 2013, 19:00

Der folgende Beitrag erreichte mich per E-Mail mit dem Vorschlag,
ihn als Gastkommentar im Forum zu veröffentlichen:




„Hallo Detlef,
ich möchte nicht (noch nicht?) auf die angesprochene Inhaftierten – Liste. Sicher würde es meiner Eitelkeit schmeicheln, diese Liste anzuführen, denn der “Dessauer” und ich sind die einzigen, die zur “Eröffnung” dabei waren, bekannt sind und noch leben! Sollte sich jemand alphabetisch vordrängeln wollen, würde ich mich sehr freuen, denn dann würde ich ihn garantiert kennen und er mich auch.
Du hast also mit uns zwei ganz große, wertvolle, schwarze Trüffel in Deinem Mischpilzkorb, indem aber auch ungenießbare, wenn nicht sogar giftige sind.
Damit meine ich die Mitgefangenen (a l l e bis 1990), die vor und während der Armeezeit mit dem abgeschafftem Staat eigentlich gar keine Probleme hatten und in der FDJ, GST und / oder einer Partei waren und vielleicht sogar freiwillig in dieser Armee. Die hatten dann die ganz große Fallhöhe, weil sie doch meinten , alles richtig gemacht zu haben – und dann das!
Sie hatten doch so gut mitgespielt und plötzlich wurden sie genau so behandelt, wie sich der große Teil der Bevölkerung schon immer behandelt fühlte.

In dem Zusammenhang überdenke bitte auch Dein / Euer Verhältnis zu dem Schließer. Eure Öffentlichkeitsarbeit stellt sich für mich momentan so dar, dass Ihr das große Potential aus dem Forum unberücksichtigt lasst und nach weiteren “Bediensteten” (allein schon diese Wortschöpfung) sucht, damit Euer Harald nicht so allein ist. Da Ihr Eure Vereinsideologie leider so ausgerichtet habt, blockiert der eine Schließer mit seinem einen Mitgliedsbeitrag die Mitgliedschaft und die Beiträge von hundert Sympathisanten, die mit den “Staatsbütteln” aus der damaligen Zeit nicht zu tun haben wollen und deshalb auf eine Mitgliedschaft verzichten. Hinter vorgehaltener Hand sagt man über den Verein, dass in ihm fast nur Kurzstrafer, Kapo’s und der Schließer sind.

Ich zitiere mal in diesem Zusammenhang E. Kästner (leicht abgewandelt): “Nie darfst du so tief sinken, von dem Kakao, durch den man dich zog, auch noch zu trinken”.

So, hier mach ich mal Schluss, sonst wird es wieder ein Buch. Vieles können wir ja auch am 23. vor Ort noch abquatschen.
Ach, so - die Häftlingsnummer. Die sagt eigentlich zu Schwedt gar nichts aus. Wir Langstrafer bekam die Nummer in der U - Haftanstalt (also vom Absender). An ihr konnte jeder erkennen von wo du kamst, nicht wo du hin sollst. Bei mir war es die > 071 132 < aus der U-Haftanstalt Schwerin.
Gern kannst Du den Text auch dem Forum als Gastkommentar zukommen lassen.

Tschüss bis zum nächsten Samstag im Betonwerk, sagt der
Olli“



Dazu folgende Anmerkungen von mir:

1.Der Verein DDR-Militärgefängnis-Schwedt e.V. ist kein Opferverband und kein Verein, in dem nur ehemalige Inhaftierte von
Schwedt Mitglied werden können.

2.Genau wie das Museum in Schwedt, wie auch Dr.Wenzke in seinem Buch „Ab nach Schwedt“ sind wir darum bemüht
ein objektives Bild von Schwedt darzustellen. Dazu gehört auch, dass man sich mit ehemaligen Gefangenen wie auch mit
ehemaligen Bediensteten auseinander setzt.

3.Ich hätte mir gewünscht, dass das große Potential von hunderten von Sympathisanten im Vorfeld der Vereinsgründung
gerne seine Meinung kundgetan hätte. Die Satzung ist von allen Mitgliedern gemeinsam erstellt worden und wurde
öffentlich im Forum diskutiert.

4.Wer was über den Verein „hinter vorgehaltener Hand“ sagt, ist mir eigentlich egal. Wir haben ein Kontaktformular auf
unserer Internetseite – das kann man auch für Meinungsäußerungen nutzen.


detlef
3 Monate Strafdienst in der Disziplinareinheit vom 20.09.1983 bis 15.12.1983
Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.

harald
Beiträge: 636
Registriert: 16 Jan 2009, 22:20

Re: Gastkommentar

Beitrag von harald » 11 Nov 2013, 16:15

Auch wenn es "nur" ein Gastkommentar ist, ich aber dabei auch persönlich angesprochen werde, möchte ich mich nur kurz dazu äußern und hoffe damit nicht zu erreichen, dass daraufhin wieder die Wogen hochschlagen.
1. Ich bin nicht allein, auch wenn sich kein weiterer vom ehemaligen Personal findet, so habe ich doch viele ehemals Inhaftierte gefunden die mich und meine Vergangenheit respektieren und auch hinter mir stehen. Auch wenn es sich blöd anhört, sind wir auch Freunde geworden.
2. Hier darf jeder seine Meinung äußern, solange sich an die Forumsregeln gehalten wird.
3. Ist mir ein Korb Mischpilze viel lieber als zwei schwarze Trüffel. Wo waren denn die ganzen Zweifler wo es um die Vereinsgründung ging. Wären nur drei Stimmen gewesen, die sich gegen die Aufnahme eines ehemaligen "Schliessers" geäußert hätten, wäre ich vermutlich nicht im Verein tätig. Wenn jemand der Meinung ist, ich hätte nichts im Verein verloren, dann soll er doch Mitglied werden und mich bei einer Mitgliederversammlung ausschließen lassen. Oder er muss mich so nehmen wie ich bin.
Auch bei unseren bisherigen Führungen bekam ich überwiegend ein positives Feedback, also was soll an meiner Vereinsarbeit falsch sein.
Mir geht es nicht um Rechtfertigung oder Entschuldigungen, mir geht es um die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Für mich persönlich ist dieser Kommentar ein weiterer Versuch unseren jungen Verein zu spalten und in Misskredit zu bringen.

Harald, der Schließer


Nachtrag: Wo sind denn die hundert Sympatisanten die meinetwegen nicht in den Verein beitreten ? Warum sagt mir von denen keiner seine persönliche Meinung dazu ?
Wer Kritik austeilt, muss Kritik auch einstecken können.

"Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen" Goethe

ehemaliges Personal der DE 09/83 - 03/90

betonwerk
Beiträge: 80
Registriert: 16 Sep 2009, 20:12

Re: Gastkommentar

Beitrag von betonwerk » 11 Nov 2013, 21:40

mein gott... was wird den das für ein politikum ??? da kann man ja die lust verlieren. eigendlich wollte ich nur mal das betonwerk besichtigen, und einen mir bekannten mitinsassen wiedersehen. wenn ich dann ,vielleicht beim mittagessen, solch einen ´gastkommentar´anhören soll, da vergeht es ja einem !!! manche führen sich auf,wie beim schwarzen kanal, nur jetzt umgedreht. warscheinlich kann das umfeld des ´gastkommentators´diesen schwachsinn auch nicht mehr hören, das der hier seinen dampf ablassen muss.

harald
Beiträge: 636
Registriert: 16 Jan 2009, 22:20

Re: Gastkommentar

Beitrag von harald » 13 Nov 2013, 11:22

@betonwerk

auch mir geht es am 23.11. ausschließlich um die Besichtigung und eine ungezwungene Runde beim Essen und erzählen. Gerade für mich ist es sehr interessant die Erfahrungen und Erlebnisse der Ehemaligen zu hören.
Im ersten Moment wollte ich wegen dieses Kommentars eigentlich absagen, jetzt bin ich aber der Meinung, jetzt erst recht. Warum sollte ich einen Rückzieher machen ? Ich hoffe es wird eine gesellige Runde und kein Politikum, dazu habe auch ich keine Lust.

Harald
Wer Kritik austeilt, muss Kritik auch einstecken können.

"Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen" Goethe

ehemaliges Personal der DE 09/83 - 03/90

Steffen
Beiträge: 507
Registriert: 09 Okt 2008, 14:05

Re: Gastkommentar

Beitrag von Steffen » 13 Nov 2013, 23:02

In dem Zusammenhang überdenke bitte auch Dein / Euer Verhältnis zu dem Schließer.
Zitat : olli


Mir ist aus anderen Foren bekannt, dass sich Inhaftierte ganz konzequent von ihren Bewachern bzw. Erziehern oder wie es sonst noch genannt wurde, distanzieren. Ich glaube. dass das Militärgefangnis Schwedt eigene Gesetze hatte. Hier wurden Militärangehörige (Bestrafte )durch Militärangehörige bewacht( sie unterstanden nicht der Militärjustitz, sondern waren normale NVA - Angehörige ) und sollten durch diese, auch im gleichen Dienstverhältnis stehende, diszipliniert werden.
Im zivilen Strafvollzug sah das anders aus. Hier waren die Bewacher und Erzieher Angehörige eines Organs, dass ausschließlich für den Vollzug einer Strafe eingesetzt war, zuständig. Bewacher und Straffällige standen in keinem Verhältnis zueinander ( was das Verhältnis Strafvollzugsangehörige und Bestrafte betrifft ).
Deshalb finde ich es richtig, dass Harald sich in unserem Verein seiner Verantwortung stellt und Aussenstehende und Betroffene über die damaligen Abläufe von der anderen Seite beleuchten kann. Schade, dass er der bisher Einzige ist.
Ich glaube, als Aussenstehender ( ich war kein Betroffener ) habe ich viel durch die Sachkenntnis von Harald gelernt, wie alles damals abgelaufen ist. Durch die anderen Mitglieder des Vereins, die die wirklich Betroffenen waren , konnte ich mir dann ein Bild machen, was der damalige Militärstrafvollzug bedeutet hat. Deshalb gehören beide Seiten zur Aufklärung von Schwedt zusammen.

Gruß
Steffen

daw
Beiträge: 7
Registriert: 18 Apr 2010, 21:39

Re: Gastkommentar

Beitrag von daw » 25 Nov 2013, 19:51

Also, auch wenn ich nie in Schwedt war, finde ich es doch sehr vorteilhaft und interessant einen ehemaligen "Aufseher" hier im Forum zu haben. Viele Fragen wären hier sicher unbeantwortet geblieben, da die ehemaligen Insassen darüber einfach nichts wußten. Wie jeder einzelne dies mit der Vereinsmitgliedschaft von Harald sieht , weiß ich natürlich nicht.

Ich habe zu DDR-Zeiten auch einige Monate im MdI-Knast gesessen. Die dortigen Schliesser haben in meinen Augen auch nur ihren Job gemacht. Keiner von denen war Schuld dran, dass ich dort einsitzen musste.
Ich wäre dankbar für ein ähnliches Forum/Verein über den MdI-Strafvollzug, mit entsprechend ehemaligen Bediensteten...

tina
Beiträge: 81
Registriert: 07 Dez 2009, 09:20

Re: Gastkommentar

Beitrag von tina » 28 Nov 2013, 21:04

Können wir uns bitte mal darauf einigen, dass es eine ganze Menge, unschuldig Inhaftierte, bzw. nach heutigem Recht, zu unrecht Verurteilte gab? Und gäbe es keine Wärter, dann könnte man niemanden zu Unrecht hinter Gitter bringen. Dies gilt nicht nur für den Unrechtsstaat DDR, sondern für wenigstens alle Diktaturen dieser Erde und alle Staaten, die Menschen hinter Gitter bringen, entgegen dem Völkerrecht. Ausdrücklich erkläre ich hier, dass zumindest denen verziehen sein soll, die sich an der Aufarbeit beteiligen, denn die haben angefangen zu denken. Deshalb danke an Harald, einer von wenigen, viel zu wenigen...............

Benutzeravatar
Detlef
Beiträge: 531
Registriert: 15 Jul 2012, 15:43

Re: Gastkommentar

Beitrag von Detlef » 28 Nov 2013, 21:51

Tina.. hier triffst Du in's Schwarze... 100 Punkte und 100% Zustimmung.
3 Monate Strafdienst in der Disziplinareinheit vom 20.09.1983 bis 15.12.1983
Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.

Steffen
Beiträge: 507
Registriert: 09 Okt 2008, 14:05

Re: Gastkommentar

Beitrag von Steffen » 29 Nov 2013, 22:37

tina hat geschrieben:Können wir uns bitte mal darauf einigen, dass es eine ganze Menge, unschuldig Inhaftierte, bzw. nach heutigem Recht, zu unrecht Verurteilte gab? Und gäbe es keine Wärter, dann könnte man niemanden zu Unrecht hinter Gitter bringen. Dies gilt nicht nur für den Unrechtsstaat DDR, sondern für wenigstens alle Diktaturen dieser Erde und alle Staaten, die Menschen hinter Gitter bringen, entgegen dem Völkerrecht. Ausdrücklich erkläre ich hier, dass zumindest denen verziehen sein soll, die sich an der Aufarbeit beteiligen, denn die haben angefangen zu denken. Deshalb danke an Harald, einer von wenigen, viel zu wenigen...............



Hallo tina,
in unserem Form sind garantiert die Schlußfolgerungen bzw. Aussagen anzutreffen, dass viele ehemalige Militärstrafgefangene oder auch Disziplinarbestrafte unschuldig oder zu unrecht bestraft, eingesessen haben.
Wir haben auch schon festgestellt, dass viele nicht im Besitz der damaligen Unterlagen sind, die nachweisen, warum und wieso, sie bestraft worden sind ( Begründung der Urteile ). Manche können nicht mal nachweisen, dass sie in Schwedt waren.
Dafür kann man aber den Bediensteten keine Schuld geben.
Diese Bediensteten sind das Werkzeug des damaligen Staates gewesen.
Und heute ist es genau so.
Der Beamte im Strafvollzug vollzieht sie Strafe, die durch ein Gericht verhängt worden ist. Auf die Strafe hat er keinen Einfluß.
Er ist wieder Diener des Staates.
Wie er sich gegenüber den Verurteilten verhält und wie er die Strafe vollzieht, darüber müsste man reden.
Das wären eine gute Diskussionsgrundlage

Gruß
Seffen

tina
Beiträge: 81
Registriert: 07 Dez 2009, 09:20

Re: Gastkommentar

Beitrag von tina » 01 Dez 2013, 18:30

Heute und damals sind zwei hochgradig unterschiedliche Staaten. Sehr viele Bürger haben damals gewusst, dass die DDR unrechtmäßig handelt. Gegen Völkerrecht verstößt. Und wer sich damals als Bediensteter dieses Staates trotzdem damit befasst hat, Inhaftierte zu bewachen, hat zumindest gewusst, dass er oder sie Unrecht tun. Das kann mir keiner erzählen, dass es anders war, oder die Leute waren extrem naiv!
Wie man heute mit Recht oder Unrecht umgeht, wäre noch zu klären. Ich habe oft in der JVA Bautzen zu tun, und dort sind mir bisher keine, unschuldig Verurteilte begegnet. Trotzdem möchte ich da nicht ständig arbeiten.

Antworten