MOZ vom 23.02.2015

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Lacrimo

Re: MOZ vom 23.02.2015

Beitrag von Lacrimo » 06 Mär 2015, 19:57

Hallo Steffen,

ich danke Dir sehr für Deinen Link. Wenn ich heute nach Schwedt käme, wäre nichts mehr da. Ich würde vielleicht das Objekt noch erkennen, doch hätte ich keinen Bezug mehr zu meiner Zeit, da die Baracken vernichtet wurden. Die Stadt Schwedt hat für mich zu schnell entschieden, dass das nicht mehr so wichtig war. Aber es war meine Lebenszeit. Und diese Entscheidung finde ich sehr traurig. Es ist nicht mehr zurückzunehmen, doch würde mich sehr interessieren, wer diese Entscheidung getroffen hat. Ich denke, es waren wie immer viele und sie waren selbst nicht da und wollten Schaden von der Stadt abwenden, doch Schwedt steht für 1330 und diese Zahl wird keiner vergessen in der DDR, der da war. Die Baracken waren schon 1983 in einem übelsten Zustand, doch hätte man wenigstens eine erhalten sollen. Aber auch das war nicht gewollt. Die Aufarbeitung fand zu spät statt und das tut mir sehr leid. Es ist nichts mehr da...

Viele Grüße Lacrimo

tina
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Re: MOZ vom 23.02.2015

Beitrag von tina » 06 Mär 2015, 21:15

lacrimo.....manchmal ist es gut, dass von dem nichts mehr da iat, was weh getan hat. bleib stark, du hast es verdient!

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ThomWelz
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Re: MOZ vom 23.02.2015

Beitrag von ThomWelz » 06 Mär 2015, 23:39

Hallo Lacrimo,

eine Bracke stand noch bis zum Schluß. –Die ehemalige L’er Baracke (rechts vom Apellplatz).

Sie war in den End80’iger Jahren offenbar noch zu einer Art Schulungsbaracke umgebaut (entkernt) worden.
Davon zeugten noch 2011 an den Innenwänden Reste von „Wandmalereien“ mit „proletarisch-kommunistischen“
und „militärisch-brüderlichen“ Motiven.

Nicht nur die alten Waffenträger von Schwedt (Jagdverein, Schützenverein, etc.) hatten von Anfang an das Ziel (1990):
das gesamte Gelände durch Parzellierung, Verkauf und Zwischennutzung der Öffentlichkeit zu entziehen. –Im Nichts
verschwinden und den belasteten Ort untergehen zu lassen.

Bis heute gibt es dieses Damoklesschwert, theoretisch. Es schwebt in Form eines Ansiedlungsangebotes der Stadt
Schwedt noch immer über dem gesamten Flurstück 28 (der Gemarkung Schwedt) und trägt den harmlosen Titel:
„Industriegebiet Breite Allee“.

Ganz ungeniert preist die Stadtverwaltung im Faltblatt vom 01.03.12 noch die Entsorgung des historischen Ortes an.
Auf der zweiten Seite des Flyers ist auch noch die Baracke zu sehen. –Das allerletzte Luftbild vor der „klinischen
Bereinigung“.
Das Luftbild vom 06.08.13 zeigt schon das "bereinigte" Gelände vom Spätsommer 2012.

2012 gab es leider noch keinen Verein der diesen politischen Tabubruch verhindert hätte. Heute dagegen hätte die
Stadtverwaltung Schwedt auch der Landesregierung Brandenburg gegenüber… -siehe MOZ vom 23.02.2015.

Herzliche Grüße
ThomWelz
Dateianhänge
1-Faltblatt IndGeb Breite Allee (01.03.12) Schwedt.pdf
(2.54 MiB) 214-mal heruntergeladen
2-barake.jpg
2-barake.jpg (97.24 KiB) 5989 mal betrachtet
3-Luftbild 2013.pdf
(241.6 KiB) 217-mal heruntergeladen
..."Nicht das Erzählte reicht, das Erreichte zählt!"...Militärstrafarrestant 05.10.1978 - 03.03.1979 (MSG Nummer 362/78)

Lacrimo

Re: MOZ vom 23.02.2015

Beitrag von Lacrimo » 07 Mär 2015, 16:34

Hallo Tina und Thom,

danke Dir Tina, ja vielleicht ist es gut, das alles weg ist, bleiben wird es in meiner Erinnerung, wie bei allen von Euch,
die da waren. Auf der anderen Seite hätte man heute sehen können, wie wir gelebt haben dort. Diesen sogenannten
Kommunisten kam keine andere Variante in den Sinn, uns unter zu bringen. Sie haben sich an ihre Vorgänger gehalten.
Der Unterschied ist nur, sie haben uns lebend vernichtet. Ich denke manchmal zurück, vorallem wie mein Leben verlaufen
wäre, wenn ich diesen ganzen Dreck nicht erlebt, gesehen hätte, was mir erspart geblieben wäre. Doch würde ich heute
nicht wissen, wie dieses verachtenswerte DDR-System in Wirklichkeit funktioniert hat. Ihr hättet es mir erzählen müssen
und ich wäre fassungslos gewesen. Dieses ehemalige Land war einfach nur menschenverachtend. Ich habe es, glaube ich,
schon zu oft geschrieben, aber ich muss es nochmal sagen, wer diese Drecks-Kommunisten wählt, sollte sich bewusst sein,
welche Vergangenheit sie hatten. Wenn alles so toll war, damals, würde das Land noch DDR heißen...

Auch Dir Thom danke ich für Deine Antwort. Ja, ich sehe es auch so, dass die Stadt Schwedt diesen Makel schnell loswerden wollte.
Worüber ich froh bin, über Fotos von damals, bzw. kurz nach der Wende, ich glaube Steffen hatte sie eingestellt. So bleibt
ein Bild von damals erhalten. Die Disziplinareinheit steht noch, und so haben, die, die da waren, den realen Hintergund und können
ihre schlimmen Erlebnisse an einem Gebäude festmachen. Es ist für mich unwahrscheinlich wichtig, das jede einzelne
Lebensgeschichte erzählt wird, weil es hier um Menschen geht, nur so kann man die Verachtung einem ehemaligen Land gegenüber zeigen.

Viele Grüße Lacrimo

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Detlef
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Registriert: 15 Jul 2012, 15:43

Re: MOZ vom 23.02.2015

Beitrag von Detlef » 07 Mär 2015, 17:31

Hallo Lacrimo,

ich habe in den letzten Monaten vieles gelernt - durch Eure geschilderten Erlebnisse, den damit verbundenen erfahrenen Leid und den Demütigungen, die ertragen werden mussten.

Du hast es selbst oft hier geschrieben, dass jeder seine eigenen Erfahrungen gesammelt hat und damit entsprechend seiner persönlichen Situation umgegangen ist. Dabei habe ich aber auch gelernt, dass es keine absolute Wahrheit und keine eindeutige Betrachtungsweise zu Schwedt gibt, ja gar nicht geben kann, weil es jeder anders verarbeitet hat.
Und schlussfolgernd kann auch nur jeder einzelne von uns, der in Schwedt war, heute seine persönliche Aufarbeitung
betreiben. Für den einen heißt es, vergessen und nichts mehr sehen und hören wollen, ein anderer sagt, die Erinnerungen reichen und der dritte sagt, man muss etwas stehen lassen, um zu Erinnern.

Ich glaube aber, wenn wirklich alles abgerissen ist und nichts mehr an das Gefängnis erinnert, so werden auch unsere Schicksale und unser Geschichten. Um zu Mahnen, wozu eine Diktatur fähig ist, sollte schon noch etwas an das Militärgefängnis erinnern, also auch baulich erhalten werden. Nur am authentischen Ort können wir und unsere Nachfahren den Nachgeborenen schildern, was dort zwischen 1968 und 1990 geschah.

Aber auch daran sieht man wieder - jeder hat eben seine Meinung dazu - wie ich eben auch.
3 Monate Strafdienst in der Disziplinareinheit vom 20.09.1983 bis 15.12.1983
Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.

Lacrimo

Re: MOZ vom 23.02.2015

Beitrag von Lacrimo » 09 Mär 2015, 19:58

Hallo Detlef,

ja jeder hat seine eigenen Erinnerungen an diesen schlimmen Ort und auch jeder geht anders damit um, manche hat es gestärkt, andere haben es vielleicht verdrängt, das ist auch eine Art des Eigenschutzes und wieder andere haben es bis heute in sich und leiden noch immer. Für Schwedt gibt es keine allgemeingültige Wahrheit, es hat einfach jeder seine eigenen Erfahrungen, auch davor, wie U-Haft beim MfS gemacht. Ich kann nur für mich schreiben und wie ich es damals mit 19 Jahren empfand. Heute habe ich es aufgearbeitet und weiß damit umzugehen. Einige Beiträge von mir sind doch noch sehr emotional, aber das hat nicht nur mit mir selbst zutun. Was mich bewegt, ist mein Rückblick auf die damalige Zeit und wie sich „der elende Rest“ (Wolf Biermann, grandios !) heute hinstellt, die eigene Vergangenheit nicht aufgearbeitet hat und in diesem Land auf Missstände aufmerksam machen will. Ich finde es unerträglich, dass mir mein ehemaliger Vernehmer vom MfS oder ein ehemaliger SED-Funktionär, heute etwas von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erzählen will, über ihren Vorsitzenden müssen wir nicht reden. Das ist mein Empfinden dieser Partei gegenüber, wenn ich gegen sie schreibe.
Besser kann es ich leider nicht erklären.

Es wäre schön, wenn etwas von diesem Lager erhalten würde und Du hast Recht, gerade für nachfolgende Generationen. Ich weiß nicht, ihr habt da mehr Erfahrung darin, ob man heute den Jugendlichen, eine Diktatur in seiner schlimmsten Form, nach 1945 nahe bringen kann. Vor allem wie es sich anfühlt rechtlos zu sein. Aber ich glaube, dass man es erlebt haben muss.
Doch hoffe ich, dass unsere Erinnerungen dazu beitragen. Gespräche mit ihnen sind sehr wichtig und auch das Schreiben hier. Man darf den, oben Genannten, keine Chance zur Rechtfertigung geben, sie haben damals gegen grundlegende Menschenrechte verstoßen.

Viele Grüße Lacrimo

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